Impuls zum 1. Sonntag nach Trinitatis

Pfarrerin Dr. Gita Leber

St. Katharinengemeinde
Frankfurt am Main

Johann Gottfried Walther, 1684 – 1748
Choralvorspiel „Lobe den Herren, mächtigen König der Ehren“
Prof. Martin Lücker an der Riegerorgel in St. Katharinen
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Liebe Gemeinde, liebe Besucherinnen und Besucher unserer Homepage!

Apostelgeschichte 4, 32-37 erzählt von der Gütergemeinschaft der ersten Christinnen und Christen. Es ist der Text für die Predigt des 1. Sonntages nach Trinitatis zum 14. Juni 2020.

Mir liegt daran, den Text nicht so zu predigen: Dass wir heute den urchristlichen Liebeskommunismus praktizieren mögen. Vor allen Dingen geht es mir darum, unterschiedliche Wege zu praktizieren und zu verantworten, die zu dem Ziel führen, Gott ähnlich zu werden – in seiner Fürsorge für seine Schöpfung und in seiner Barmherzigkeit. Wir sind am Ende eines Zeitalters der „Eindeutigkeit“. Phantasievoll und verantwortet werden wir Wege finden (müssen), wie wir hier und da, situationsgerecht, handeln sollten.

„Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele…“. Das meint: Eins­-Sein mit Gott und Christus und den Heiligen Geist im Herzen tragen als Getaufte. Vom selben Geist beseelt sein – in aller Unterschiedlichkeit. Die Urform der Sünde, nämlich das Sich-von-Gott-Abwenden, hinter sich zu lassen. Lust haben, sich Gott zuzuwenden. Jesus hat in seinen vielen Zuwendungen zu den Menschen darauf aufmerksam gemacht, dass Gottvertrauen Ursache für Heilung ist. „Ein Herz und eine Seele“ sollen wir im Gottvertrauen sein. Ein Herz und eine Seele sein mit Gott und Christus wäre: Gott ähnlich werden in seiner Barmherzigkeit und Güte allen Menschen gegenüber. Schließlich geht es um eine Haltung.

Wir werden aufgerufen: Die Dinge des Lebens Gott in die Hand zu legen. Selbstverständlich auch genügend selbst zu tun, damit das Leben gut wird; auch für die anderen; schließlich für die gesamte Schöpfung. Und da, wo es darauf ankommt, auch Verzicht zu üben für den Schutz der Menschen und den eigenen Schutz. Es geht um eine Haltung. Vielleicht könnte eine „Ethik der Genügsamkeit“ ins Spiel gebracht werden und wir könnten uns darin zunächst einmal ausprobieren. Apostelgeschichte 4 empfiehlt die Pflege anderer Werte wie zum Beispiel Offenheit für den Augenblick, für unsere Mitmenschen, ihre Bedürfnisse und ihre Gefühle. Tragen wir die Tugenden, von denen wir möchten, dass die Welt ihnen folgt, in uns und leben sie vor! Dann können wir andere Menschen mit unseren Ideen „anstecken“ und Krisen und Widrigkeiten standhalten.

Diese Corona-Krise hat uns gezeigt, wie wichtig die Fähigkeit ist, Mitgefühl, Empathie zu entwickeln. Der Gedanke an „Verzicht“  baut auf innere Einfachheit und Glück: Unsere Erfahrungen, besonders in dieser Corona-Krise, zeigen immer wieder, dass es Werte wie Freundschaft, soziale Kontakte und Zufriedenheit wären, die uns echte Zufriedenheit empfinden lassen. Alles nicht so einfach.

Dieses Eins-Sein mit Gott – ein Herz und eine Seele mit ihm und deshalb untereinander in einer Ethik der Empathie – hat diese Zufriedenheit zur Folge. Zieht nach sich dieses Glück, genügsam sein zu können, wenn es darauf ankommt. Mit anderen zu teilen, wenn es drauf ankommt.

Mit allen alles gemeinsam zu haben: Das ist doch auch das Bewusstsein – oder die Bewusstwerdung, dass wir nur diese Erde haben; nur dieses eine Leben. Dass wir das Mensch-Sein mit allen (egal welcher Hautfarbe oder Religion oder Lebensform) gemeinsam haben. Dass alles mit allem zusammenhängt. Dass wir, wo wir die Ressourcen gefährden, alle – global ! – betroffen sind. Unsere Hoffnung auf Gott verpflichtet uns auf die Treue zur Erde und zu unseren Nächsten.

Verzicht: ob freiwillig aus der Fülle (die dann meist immer noch Fülle bleibt) – oder erzwungen aus der Not hat als Gegenpol: die Sehnsucht. Den großen Traum vom Erlangen dessen, worauf verzichtet wird /werden muss. –

Für mich persönlich ist es die Sehnsucht nach dem Begeistert-Sein von Menschen und von Dingen: Begegnungen, tiefe Gespräche, Ausflüge, Musik, Bildungserfahrungen mit anderen…

Jeder träumt individuell, wonach er / sie sich sehnt. In jedem Fall wird die Erfüllung mit dem Glück der Begeisterung einherkommen.

Begeistert-Sein. Wir kommen von Pfingsten her, dem Fest des Heiligen Geistes. Vom Heiligen Geist erfüllt sein, ist – anders kann ich es nicht beschreiben – das Erfüllt-Sein von Begeisterung für die Fülle. Über die Beseitigung eines Mangels: an Gotteserkenntnis, an Nahrung für Leib und Seele, an Trost, an Freude. Wenn der Mangel weg ist; wenn der Verzicht aufhört einer zu sein oder sein zu müssen. Die Sehnsucht danach soll uns erhalten bleiben bis zur Zeit der Erfüllung!  Amen.

Es grüßt Sie mit herzlichen Segenswünschen
Ihre Pfarrerin Dr. Gita Leber

David German *1954 „Festivale Trumpet Tune“
Prof. Martin Lücker an der Riegerorgel in St. Katharinen