Predigten der vergangenen Sonntage

Predigt zum Sonntag Judika, 29. März 2020 von Pfarrer Dr. Heinemann

Joh. Seb. Bach “O Mensch, bewein dein Sünde groß” BWV 622
Martin Lücker, Konzerthaus Berlin

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Amen

Da ist die Unruhe, die Unsicherheit. Wie gefährlich ist das Virus? Wie ansteckend? Gehöre ich zu einer der Risikogruppen? Bin ich vielleicht sogar schon infiziert, merke es nicht – und bringe damit andere in Gefahr?

Und was ist überhaupt mit der Familie, den Freunden? Werde ich meine Eltern wiedersehen – oder eben meine Kinder, die Enkel? Wie erkläre ich den Kleinen, dass sie Oma und Opa plötzlich nicht mehr sehen dürfen?

Plus die Existenzsorgen. Bleibt mein Arbeitsplatz? Überlebt meine Firma? Wo bekomme ich das Geld fürs Nötigste her, für Essen, die Miete?

Und über allem die Frage: Wie lange wird das eigentlich dauern? Zwei Wochen, vier Wochen? Bis Ostern, bis zum Sommer? Oder sogar länger?

Es ist diese Unruhe, diese Unsicherheit, die lähmt. Die etwas Schweres über alles legt. Als wäre die Stadt, still wie sie jetzt ist, schwermütig.

Und manchmal auch: beinahe schon hysterisch. Sinnvolle Regeln sind das eine: Abstand halten, Händewaschen, keine Gruppen. Aber reicht das? Besser gar nicht mehr vor die Tür gehen? Alle Kontakte vermeiden? Bis wohin ist es gesunde Vorsicht – und ab wann Übervorsicht, Angst, Hysterie?

Der Predigttext für den fünften Sonntag der Passionszeit, Judika, steht im Hebräerbrief, und dort in Kapitel 13, die Verse 12 bis 14:

Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.

So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen.

Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Es ist ein einfaches Bild, das mich als erstes anspricht: „So lasst uns nun hinausgehen.“ In anderen, in normalen Zeiten das Selbstverständlichste der Welt. Jetzt: Beinahe schon Utopie. Ein Wunschbild: Ach dass wir doch alle einfach wieder hinausgehen könnten! Auf die Straße, in die Sonne. Einander begegnen. Das austauschen, was uns bewegt. Oder auch nur den Klatsch des Tages, das, worüber man halt so spricht. „So lasst uns nun hinausgehen“, das ist eine Erinnerung. Und ein Versprechen: Das wird wieder sein!

Dabei hat das Hinausgehen nicht nur diesen einfachen (verlockenden!) wörtlichen Sinn. Der kurze Predigttext aus dem Hebräerbrief ist insgesamt dadurch geprägt: Durch Innen und Außen. Da ist das sichere Lager. Und da ist das, was dort draußen ist, vor dem Tor, außerhalb der Mauern. Lockt es? Oder lässt es auch zögern, weil es unbekannt ist?

Jedenfalls: Aufbrechen! Das macht der Text ganz stark. Das ist sein Grundthema, da lässt er nichts gelten: Eben nicht drin bleiben, im Lager. Sondern raus, ins Unbekannte.

Und dann sind da noch zwei Dinge im Text. Das erste irritiert mich – ja eigentlich mehr noch, es provoziert. Und das zweite weckt eine Sehnsucht. Wie eine Erinnerung, dass da noch etwas ist … etwas, was ich im Alltag immer wieder vergesse, was in den Hintergrund rückt.

Das erste ist das Leiden und die Schmach. Deswegen sollen wir ja raus aus dem sicheren Lager, raus und aufbrechen. Um Jesu Willen. Oder genauer eben: Um seines Leidens Willen. Um „seine Schmach zu tragen“. Was soll das sein? Es irritiert. Eigentlich möchte ich das überlesen. Leiden und Schmach, das muss nicht sein. Oder?

Und das zweite: das Bild von der zukünftigen Stadt, die wir suchen. Ein Ort der Ruhe und der Schönheit. Ohne Tränen und ohne Schmerz. Himmlisches Jerusalem, Paradies, Himmel … unser Glaube erzählt von einem guten Ort, dort, dann, dereinst.

Wie oft vergesse ich das im Alltag, wo diese Welt hier alles zu sein scheint. Wo uns der Alltag immer wieder fordert und voll einnimmt. Die Erinnerung daran, dass da noch etwas kommt – und dass dieses etwas, dieses zweite Leben gut sein wird –, die Erinnerung ist heilsam. Ich gewinne Abstand von dieser Welt hier. Sehe sie noch einmal mit anderen Augen …

Doch zunächst zurück zum ersten, zur Irritation. Zurück zu Leiden und Schmach.

Aufbrechen – das Thema unseres kurzen Textes – hat immer auch damit zu tun, etwas zurückzulassen. Vertrautes. Und Sicherheiten. Manchmal wird erst im Aufbruch deutlich, dass diese Sicherheiten auch trügerisch waren. Dass es sich auch um Scheinsicherheiten gehandelt hat.

Die momentane Situation macht mich so ratlos wie wohl jeden von uns. Ich verstehe kaum, was passiert. Bin immer wieder beunruhigt, beinahe schockiert von der Geschwindigkeit, mit der das alte vertraute Leben zerfällt. Leere Regale im Supermarkt, verschlossene Geschäfte auf der Zeil, Ausgangsbeschränkungen – und immer die Frage: Was kommt noch?

Klar ist, dass das Leben nicht mehr so ist, wie es war – und dass es vielleicht, wahrscheinlich auch nie wieder so wird. Also: Aufbrechen. Aus dem Lager unseres alten Lebens, das nur ein scheinsicheres war.

Und dabei: den Blick auf Leiden und Schmach richten.

Vielleicht macht diese Krise, machen diese Tage eines: Sie rücken etwas in den Blick, was ich sonst oft verdränge. Woran ich nicht denken möchte, im normalen Alltag: an Krankheit und Tod.

Plötzlich sehen wir die Bilder aus italienischen, aus spanischen Krankenhäusern. Sehen die schrecklichen Kolonnen bei Nacht. Das macht Angst. Und es erinnert mich daran, dass jeder von uns krank werden wird (nicht vom Corona-Virus, davon wahrscheinlich – zumindest schwer – nur die aller-allerwenigsten von uns). Und dass jeder von uns sterben muss.

Normalerweise verdrängen wir das. In unserer Gesellschaft steht es am Rand. Jetzt gibt es keine Möglichkeit, daran vorbeizusehen. Es sind Grunddaten unseres menschlichen Lebens. Es gibt keine noch so (schein)sichere Festung, die davor schützen würde, krank zu werden – und zu sterben, am Ende dieses irdischen Lebens.

Und – jetzt wird die Irritation zur Provokation – und der Predigttext sagt noch mehr. Er sagt: Dort wo Leiden und Schmach sind – da ist der Christus, ist Gott selbst. Also dort, wo der spanische Arzt stirbt, der so vielen Menschen geholfen hat. Dort, wo die italienische Hebamme stirbt, die so viele kleine Leben gesund zur Welt gebracht hat. Dort, wo so viele Menschen weltweit leiden und sterben – gerade dort ist Gott. Dort ist er nicht weg, sondern nahe. Hält die Hände, die sonst niemand mehr hält. Spricht die Worte, die niemand mehr sprechen kann. Begleitet auf diesem letzten Weg.

Es ist schwer zu verstehen. Ich kann es kaum begreifen. Aber da, wo unsere Kreuze sind – da ist Gott selbst. Die Welt ist im Moment nicht gottverlassen. Sondern Gott ist da, in Wuhan und in Madrid, in New York und in Bergamo, in Nembro. Gott ist auch hier bei uns, sollte es so schlimm werden wie in Italien und Spanien. Er ist da, mitten in dieser ganzen schrecklichen Situation. Mitten in diesen schrecklichen Bildern.

Das provoziert meinen Widerspruch. Fast klingt es zynisch, angesichts des Leids. Sollte dort, wo Gott ist, nicht alles gut sein? Und doch tröstet es auch. Denn was würde das Gegenteil bedeuten? Gott ist nicht da, all‘ diese Menschen leiden und sterben welt- und gottverlassen? Nein, der Gott des Kreuzes flieht nicht vor Schmerz und Leid. Im Leid hält er es mit uns zerbrechlichen Menschen aus, weicht er uns nicht von der Seite.

„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Das ist das Versprechen. Die Erinnerung daran, dass da noch etwas kommt. Etwas, das nicht von dieser Welt ist. Ein Ort, ohne Tränen und Leid, ohne Panik und Angst, ohne den Tod. Wenn wir aufbrechen aus den Scheinsicherheiten. Dem ins Gesicht sehen, dass es zu diesem Leben gehört, dass wir krank werden, dass wir sterben – dann öffnet sich dieses Hoffnungsbild vielleicht noch einmal neu.

Und ich ahne, dass – so schön dieses Leben ist. So sehr ich es liebe. So sehr ich es genieße, die Freundschaften (die gerade oft so schmerzhaft fern sind), die Zeit mit den Menschen, die ich liebe, Arbeit und Beruf, die vielen Kleinigkeiten des Alltags, das erste Eis in der Sonne … so sehr mich auch das Schwere bewegt, ich die Widersprüche des Lebens spüre, das Spannungsreiche, das Lebendige darin – so sehr das alles also so ist. — So sehr ahne ich, dass hier nicht meine bleibende Stadt ist. Dass hier nicht der Ort ist, an dem ich festhalten sollte, auf Teufel komm raus – oder das auch nur könnte: hier etwas festhalten.

Gottes Reich ist in dieser Welt. Aber es ist nicht von dieser Welt. Und es wird anders sein. Dann. Dort.

Dieses Versprechen macht schon hier etwas mit mir. Es wirft einen Schein in diese Welt. Christi Kreuz zeigt den Weg in die Zukunft. Weist die Richtung des Aufbruchs. Schaue ich darauf, entwickelt es Kraft. Ich kann Leid und Tod aushalten, so sehr es schmerzt und erschreckt. Ich weiß, sie haben nicht das letzte Wort. Diese Kraft, diese Sehnsucht nach einer anderen, besseren Welt – sie machen Mut im Hier und Jetzt.

Ich gewinne etwas Abstand von dieser Welt und der Situation. Werde ruhiger, gelassener. Kann die Gefahr ernstnehmen – aber die Gefahr ist nicht mehr alles. Die Angst, die Hysterie – sie weichen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.                 Amen

Predigt zum Sonntag Lätare, 22. März 2020 von
Pfarrer Dr. Lewerenz

Von Gott getröstet und mit Milch gesäugt werden

Max Reger “Jesu meine Freude” Choralvorspiel op. 27 (21)
Martin Lücker an der Riegerorgel in St. Katharinen

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und ein Wort für unser Herz, Amen.

Der 22. März ist der Sonntag Lätare, freue dich. Wir stehen auf halber Strecke zwischen Aschermittwoch und Ostern, auch, wenn ich angesichts der sich ständig verschärfenden Lage der Pandemie eher das Gefühl habe, wir rasen auf einen Abgrund zu. Und genau deswegen ist jetzt Zeit für Wegzehrung: Milch und Honig! Mitten in unserer Passion ist Zeit für einen Vorgeschmack auf Ostern. Der vorgegebene Predigttext steht im Buch des Propheten Jesaja im 66. Kapitel, hier eine Übersetzung aus der Bibel in gerechter Sprache:

10 Freut euch mit Jerusalem und jauchzt alle, die ihr sie liebt! Seid fröhlich mit ihr, alle, die ihr um sie trauert! 11 Weil ihr saugen dürft und euch sättigen an den Brüsten ihres Trostes, weil ihr schlürfen dürft und euch erquicken an den Brüsten ihres Glanzes. 12 Denn so spricht Gott: Ich breite bei ihr Frieden aus wie einen Strom und wie einen überschäumenden Bach den Reichtum der fremden Völker. Ihre Säuglinge sollen auf der Hüfte getragen und auf den Knien geschaukelt werden. 13 Wie eine Mutter tröstet, so will ich euch trösten, und an Jerusalem sollt ihr getröstet sein. 14 Ihr werdet es sehen und euer Herz wird sich freuen, und eure Knochen sollen sprossen wie junges Gras. Die Hand Gottes ist wahrnehmbar an denen, die im Dienst Gottes stehen, aber Fluch denen, die Gott feindlich sind.

Wer bislang behauptete, von Gott wird in der Bibel nur in männlichen Bildern erzählt, der wird spätestens durch unseren heutigen Predigttext eines anderen belehrt. Schlürfen an den Brüsten des Trostes, das dürfen wir, an die Mutterbrust genommen werden sollen wir. Wie einen eine Mutter tröstet, so will Gott uns trösten. Mehr Weiblichkeit kann man wohl sich kaum von Gott denken!

An der Brust säugen, das Urbild für Mütter, für Muttergottheiten. Gaia, die griechische Göttin der Erde säugt ihre Kinder, jetzt am Frühlingsbeginn gibt sie der ganzen Natur Saft und Kraft. Romolus und Remus, die Gründer Roms wurden von einer Wölfin gesäugt. Und die Darstellungen der „Maria Lactans“ zeigen Maria, wie sie Jesus säugt. Sie steht damit sinnbildlich für alle Mütter, die ihre Kinder säugen. Und wie schlimm, wenn Brüste versiegen, Mütter ihren Kindern keine Milch mehr geben können. Ich habe da die traurig-schockierenden Bilder von Sebastiao Salgado vor Augen, der Mütter mit Babies auf dem Arm in der Sahelzone Mitte der 80er Jahre fotografierte. Mütter, deren Busen vertrocknet war, Babies, deren Haut faltig wie die von alten Menschen war. Und wenn ich dann heute Bilder von Flüchtlingslagern an der Grenze von Europa oder in Syrien sehe, da ist nicht die überschießende Milch der Mütter, da versiegen die Quellen der lebensspendenden Nahrung für die Kinder. Milch und Honig, nur noch ein ferner Wunsch in der Hoffnung auf Sicherheit und ein menschenwürdiges Auskommen.

Jesaja verheißt den aus der babylonischen Gefangenschaft zurückkehrenden Israeliten Milch und Honig, Zeichen des Paradieses. Und er verheißt es auf dem Zion, dem Berg Jerusalems. 10 Freut euch mit Jerusalem und jauchzt alle, die ihr sie liebt! Seid fröhlich mit ihr, alle, die ihr um sie trauert! 11 Weil ihr saugen dürft und euch sättigen an den Brüsten ihres Trostes, weil ihr schlürfen dürft und euch erquicken an den Brüsten ihres Glanzes… 13 Wie eine Mutter tröstet,
so will ich euch trösten, und an Jerusalem sollt ihr getröstet sein.

Wenn ein Prophet solche großen Trost- und Hoffnungsbilder malt, dann sieht die Realität ganz anders aus. Nichts vom Glanz, nichts von üppiger Fülle fanden die Heimkehrer in Jerusalem. Dürr und karg, zerstört, verwüstet, so lag Jerusalem im Staub der Verlassenheit. Vielleicht lässt sich die Realität damals mit der Realität vergleichen, die die Flüchtlinge am Ende des zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren vorfanden, in Dresden, in Pforzheim, in Frankfurt. Nächste Woche ist das Kriegsende in Frankfurt 75 Jahre her.

Aleppo, Teheran, Kabul: einst blühende Städte, jetzt verwüstet und verheert. Gott, wo ist dort deine nährende Fürsorge, wer nimmt da die Menschen an die Brust und säugt sie? So viele Menschen sehnen sich nach deiner fürsorglichen Hand. Jetzt angesichts der Angst vor Corona und deren Folgen für uns und unserer Gesellschaft würden wir so gern von dir getröstet werden wie von einer Mutter.

Die Deportierten aus Babylon, sie hofften auf die Rückkehr nach Zion. Aber statt blühender Gärten fanden sie nur Zerstörung und Staub. Sie wollten den Tempel Gottes wieder aufbauen, um Gott wieder eine Wohnstätte auf Erden zu bieten. Nachdem der Tempel von den Römern ein zweites Mal zerstört worden war, blieb nur die Klagemauer unterhalb des Tempelbergs – heute Ort der Konfrontation zwischen Juden und Muslimen.

Jerusalem, eine Stadt der Träume, ein Zionsbrünnlein, in dem Milch und Honig fließen, so sollte sie sein. Aber Stacheldraht und Kontrollen, MGs und Angst vor Attentaten, Streit um jeden einzelnen Quadratzentimeters  und Vertreibung aus geerbtem Land, das ist die Realität in Jerusalem.

Und dennoch: 14 Ihr werdet es sehen und euer Herz wird sich freuen, und eure Knochen sollen sprossen wie junges Gras. So verheißt es Jesaja.

Ja, könnte doch Jerusalem zu einer Stadt des Friedens werden, zu einer geistigen Heimat von Judentum, Christentum und Islam, zu einer Heimat für alle Menschen, die sich nach Gott sehnen. Könnte sie doch Wasser und Brot, Milch und Honig für alle anbieten, die durstig nach Zuwendung und Trost sind.

Vielleicht werden die Menschen in Jerusalem Wege finden, wie Frieden möglich wird. Vielleicht wird dies auch erst am Ende der Tage erfolgen, wenn das himmlische Jerusalem kommt, eine Stadt ohne Weinen und Klagen.

Wir hatten Glück. Unsere Stadt, unser Land wurden nach dem zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut. Wirtschaftswunder und blühende Landschaften, Wohlstand für viele, zumindest materiell. Unsere Knochen und die Häuserskelette der Ruinen sprossen wie junges Gras. Wir haben hier von Milch und vom Honig genascht und tun es immer noch.

Doch jetzt, mitten in der Passionszeit, mitten in der Pandemie, von der wir noch nicht wissen, welche Folgen sie haben wird, warten wir auf Ostern. Wir hoffen auf Leben, auf neues Leben – auf ewiges Leben. Statt dass Tränen unsere Speise sind, hoffen wir auf die Quelle des Lebens, hoffen auf Gott, der uns tröstet in den Durststrecken unseres Lebens und den Durststrecken unserer Welt. „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.“ Diese Zuversicht aus Psalm 23, die will Jesaja seinen Zeitgenossen verheißen.

Wir leben in einem satten Land. Durch die momentane Situation wird uns bewusst, wie verletzbar wir als Gesellschaft sind. Unser Leben und unser Kosmos sind endlich und sind verwundbar. Wir suchen Trost, suchen die schützende und nährende Mutterbrust.

Es mag verlockend sein, mich an der säugenden Brust Gottes zu laben, auf seinem Schoß zu sitzen. Milch und Honig zu bekommen, behütet zu sein, das schützt unser Leben, das gibt mir Grundvertrauen. Es gibt bei allen von uns eine Sehnsucht nach dem Trost der Mutter, gerade, wenn ich existenziell zurückgeworfen bin. Ich gestehe, wenn ich krank bin, koche ich mir manchmal Grießbrei – eine Erinnerung an frühe Kindheit.

Doch von Gott, von der Mutter mit Milch gesäugt zu werden, reduziert mich auf das bloße Empfangen. Ich kann aber auch geben, ich will auch geben. Und ich will Verantwortung für mich und meinen Alltag übernehmen – auch und gerade in diesen schwierigen Tagen. Nicht in Überschätzung meiner Möglichkeiten, aber in angemessener Form.

Herausforderungen gemeinsam zu bestehen, neues Leben an Ostern geschenkt zu bekommen, eine Auferstehung zum Leben, ist mehr als ein zurück an die Brust der Mutter. Heute auf der Halbzeit hin auf Ostern mag Milch und Honig mir Kraft geben für den Weg, der vor uns liegt. Aber dann ist es Zeit, feste Nahrung zu mir zu nehmen. Ich kann und will nicht ein Leben lang an den Brüsten Gottes Milch saugen wir ein Kleinkind.

Erwachsen zu werden, Verantwortung für mein Leben zu übernehmen, birgt Gefahren. Ich hoffe, ich greife nicht zu den Fleischtöpfen Ägyptens, die mir eine Auferstehung zum Leben vorgaukeln, mich in Wahrheit aber versklaven. Ich hoffe, ich falle dann auch nicht auf die gebratenen Tauben und den Grießbrei des Schlaraffenlandes hinein, die mir vom Kapitalismus angepriesen wird. Ich hoffe, Gott wird mir, uns und allen Mitmenschen einen Tisch decken, mit dem, was wir jetzt zum Leben brauchen: Brot und Wasser und manchmal auch ein Glas Wein, für den Weg, der vor uns liegt, für die Aufgaben die wir gemeinsam bewältigen müssen, Amen.

Joh. Seb. Bach “Jesu meine Freude” Choralbearbeitung BWV 610
Martin Lücker an der Riegerorgel in St. Kattharinen